Arche Steier – Arbeiten von Matthias Steier in der Burg Beeskow

 

Laudatio Dr. Sylke Wunderlich | 21. Oktober 2006

 

 

Arche –das Stichwort aus der Bibel verblüfft heute als Teil des Ausstellungstitels. Das biblische Gefährt, erwähnt in der Genesis des Alten Testaments, von Noah auf Geheiß des Herrn gebaut, um seine Familie und Paare aller Kreaturen vor der Sintflut zu retten, gilt noch heute im übertragenen Sinne als Zufluchtsstätte. Wenn wir die Wände mit den Werken von Matthias Steier abschreiten, erkennen wir auf den ersten Blick, dass der Maler tatsächlich die tierischen und menschlichen Kreaturen, welche die Welt bevölkern, malend zusammen getragen hat. Aber wie? Nicht geordnet, sondern in rätselhaften Arrangement, kommen sie in seinen Bildern vor – ein junges Mädchen hält liebevoll ein Gürteltier im Arm, ein Hund - ist es jener aus Andalusien? – schwebt an historischem Mauerwerk vorbei, er wirft keinen Schatten. Die Katze Lilli schaut sich suchend um, ein Stier steht in weiter Ebene, ist er aus Pappe? Krebse bedrohen weibliche Schönheiten oder werben sie um ihre Gunst? Elefanten laufen stoisch durch ein Gemäuer gen Westen. Da sind Figuren aus Zeit- und Kunstgeschichte - die Heiligen drei Könige, die spanische Infantin, die Velazquez einst malte und Figuren aus der Commedia dell arte. Es scheint, als habe Matthias Steier seine Bilder zur Arche gemacht und all jene vereint, die für ihn Bedeutung erlangten.

 

Matthias Steier bietet uns, als Kapitän »Noah«?, eine Reise an und wir wissen nicht, wohin sie führen wird. Wir erkennen die Landschaft – Patagonien und die Anden, Italien und Spanien, oder das nahe weite Brandenburgische. Topografisch genau sind die Zeichen entzifferbar – doch trotzdem beschlicht den Betrachter das Gefühl - hier stimmt etwas nicht. Denn des Malers Reise führt nicht in reale Gefilde sondern in die fantastische Welt seiner Gedanken, flüchtige oder grüblerische, fröhliche oder tief traurige, in eine Traum- und Erlebniswelt, die im Verlaufe seines Lebens und seiner Reisen mannigfaltige Anregung erfuhr. Sei es durch die Ausbildung an der traditionsreichen Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Wolfgang Peuker und Arno Rink oder die große künstlerische Herausforderung als Mitarbeiter von Werner Tübke beim Malen des Panoramabildes zum deutschen Bauernkrieg in Bad Frankenhausen. Oder die mannigfaltigen menschlichen Begegnungen an seinem heutigen Wohnort Eisenhüttenstadt, der einstigen sozialistischen »Stalinstadt«. Hinzu kommt die schöpferische Auseinandersetzung mit Kunstwerken der frühen Neuzeit, der deutschen Romantiker sowie der Surrealisten.

 

Wichtig sind die Reisen, welche ihn nach Südamerika, Spanien, Italien aber auch die Umgebung seiner Wahlheimat führten. Er traf auf flirrende Landschaften, die Trugbilder gebären, sog die Kultur und Kunst der besuchten Gegenden auf, traf Menschen mit ihren glaubhaften oder unglaublichen Geschichten. Er besuchte die verlassenen Bauten, erklomm Berge mit geschichtsträchtigen Gemäuern, begab sich in Klöstern, Kirchen und Burgen gedanklich in die Vergangenheit. Die alten Legenden der Templer, Kreuzzügler oder Mönche bekamen ein greifbares Zuhause.

 

Geschichte und Geschichten, nachvollziehbar in bebautem Gelände sowie überlieferter Chronik sind der Ausgangspunkt für seine bildliche Aufhebung von Zeit und Raum. Kombinationen von Erlebnissplittern finden sich in seine vielschichtigen Bildern als Reflexion wieder. Sie entstehen im Spannungsfeld von Erlebtem, Verarbeitetem und Ersonnenem.

 

In realistisch-veristischem Malstil, manchmal bis zur fotografischen Genauigkeit, werden die Versatzstücke in einen mystischen Kontext gebracht. Und er beherrscht die Technik meisterlich. Die Lasurmalerei erlaubt Abstufungen und unglaubliche Farbtiefe. Durch die fantastische Zusammenstellung der einzelnen Akteure, entsteht eine eigene Mythologie, gespeist durch christliche Ikonographie, mittelalterliche Zahlensymbolik, antike Sagenwelt oder literarische Inspirationen.

 

Magie, Rätsel, Visionen, Träume und der zuweilen surreale Kanon lassen die Bilder in völlig neuem Licht erscheinen. Sie erschließen sich nur vordergründig auf den ersten Blick, auch nicht auf den zweiten - manches bleibt Malers Geheimnis. Der Drang lässt nicht nach, alles zu entschlüsseln. Wir erspüren die Bedeutungshaftigkeit einiger Bildteile und wissen, dass der Künstler uns eigentlich auch keine Erklärung liefern will, denn er wollte uns nichts damit sagen! Er malt für sich, bringt seine Gefühle, Empfindungen und Erlebtes auf die Leinwand.

Da entstehen Merkwürdigkeiten und Anspielungen: so tauchen immer wieder Äpfel auf. In der Bibel ist der Apfel das Symbol der Versuchung, die Skandinavier glaubten an ihn als eine Frucht, die, bi regelmäßigem Genuss, nicht altern lässt. Die Griechen sahen in ihm ein Symbol der Erotik oder das Sinnbild der Fruchtbarkeit. So wird er zum Gleichnis. Steier zeigt uns aber auch gespaltene Äpfel, ihren Griebsch, sie schwimmen in Brunnen oder liegen reif und saftig inmitten gleißender Wüstenlandschaften, das Leben und seine Vergänglichkeit symbolisierend.

 

Häufig kommen Stiere vor: kraftstrotzend, schnaubend und sehr lebendig, dann wieder als werbende schwarze Silhouetten, wie sie in Spanien und Lateinamerika einsam in der Landschaft stehen. Sind sie Anspielungen auf die antike Sage der schönen Europa, die von Zeus in seiner Verwandlung als Stier entführt wurde und auf Kreta den sagenhaften Minos gebar? Die Motive der Sage finden sich auf antiken Werken ebenso wie in der Kunst eines Rembrandt, Tizian, Tintoretto oder Picasso. Sind es Anspielungen auf die traditionellen Stierkämpfe oder den Stier als Zeichen der Stärke und Zeugungskraft? Vielleicht steckt gar ein Hinweis auf die Welt des Geldes darin, hier gilt der Stier/Bulle als Zeichen steigender Aktienkurse an der Börse. Auch in der Astrologie begegnet uns der Stier. Jenen, die in diesem Sternzeichen geboren wurden, sagt man Beständigkeit, Streben nach Harmonie und Frieden nach. Er verkörpert Kunst und Schönhit im Allgemeinen.

 

Zusätzlich sind Alltagsgegenstände verfremdet und neu kombiniert, finden sich in verschlüsselten Szenen und fiktiver Kombinatorik zu manieristisch übersteigerter Weltsicht und Allegorien vereint. Hinweisen möchte ich nur auf Schwibbögen, die Teile der abgetragenen Mauer, verschiedenartigste Kostümierungen der Figuren. Seine Bilder sind Bühnenräume, in denen Geschöpfe aus Geschichte und Gegenwart, aus Literatur und Film agieren. Sie verkörpern Sinnbilder, Gleichnisse, die sich nicht sofort erschließen, uns aber scheinbar an die Hand nehmen, die Welt des Malers und die eigene zu entdecken. Er hilft uns, dieses wunderbare Welträtsel zu deuten, das der hektische, medienüberflutete Mensch im 21. Jahrhundert kaum mehr wahrzunehmen scheint und holt es ins Bewusstsein zurück. Durch die surreale Kombination der Bildelemente und mit versteckten Selbstbildnissen nimmt er uns in seiner Arche mit, auf eine Reise mit ungewissen Ausgang. Sie kann eine Reise in die eigene Vergangenheit sein oder in eine poesievolle Zukunft. Für diese wünsche ich Ihnen einen glücklichen Verlauf.

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